Archiv für das Thema: Anna (Roman)

“Sie sahen so komisch aus, ich weiß auch nicht, ich kann einfach nicht aufhören, es tut mir so leid.” Es fehlt nicht viel, und ich mache mir in die Hose. Nur unter Aufbietung komplizierter Verrenkungen kann ich es verhindern. Das wiederum scheint den Mann zu erheitern, denn plötzlich fängt auch er an zu lachen. Er zeigt immer wieder mit dem Finger auf mich, während er nach Luft ringt. Und so stehen wir beide mitten auf dem Bürgersteig und können nicht aufhören zu lachen. weiter lesen »

 

Am Kanal muss ich gegen erste Sturmböen ankämpfen. Ich habe Angst, das Gleichgewicht zu verlieren und fahre die meiste Zeit auf dem Bürgersteig. Der Wind ist eisig. Ich versuche, mir während des Fahrens den dünnen Schal um Mund und Nase zu wickeln. Deswegen habe ich den den Mann nicht gesehen, der plötzlich vor mir aufgetaucht ist, und dem ich nun ungebremst in die Seite fahre. Während des Fallens dreht er sich einmal um sich selbst. Als ich neben ihm zum Stehen komme, blicke ich in ein rundes Gesicht, das unter der Kapuze des Anoraks hervorlugt. weiter lesen »

 

Der tut so, als hätte er die Bemerkung nicht gehört, wünscht einen schönen Nachmittag. Als er schon fast aus der Tür ist, dreht er sich noch einmal um und erinnert mich daran, dass der Wetterbericht für den Abend Sturm vorausgesagt hat. Vielleicht wäre es besser, das Fahrrad im Laden zu lassen. Dann ist er weg, und ich stehe etwas unschlüssig neben Herbert. Es ist alles gesagt. Eine ältere Dame fragt nach dem Buch, und während ich es für sie heraus suche, verabschiedet Herbert sich. “Du hast doch bestimmt nichts dagegen, wenn ich den Schluck hier mitnehme?” weiter lesen »

 

“Der Karton mit den Ordnern und Unterlagen deiner Eltern steht noch bei mir im Keller. Ich konnte ihn nicht einfach so wegwerfen. Wenn du dir die Sachen also doch ansehen willst?”
Vor lauter Freude umarme ich Herbert heftig. Eigentlich hätte ich mir das denken können. Er ist kein Mensch, der Dinge unbesehen in den Müll stopft. Er ist im Gegenteil einer, der die Sachen wieder herausholt. Er verspricht mir, in den nächsten Tagen die Kiste vorbeizubringen. weiter lesen »

 

Herbert holt ein Taschentuch aus seiner Hosentasche. Sehe ich aus, als ob ich weinen will? Ich will nicht, nehme das Tuch aber trotzdem. Er füllt unsere Gläser aufs Neue, ein jedes halb voll, seines trinkt er in einem Zug aus. “Ich verstehe, was du mit den Lügen meinst. Aber das ist doch normal. Ich kenne keinen, der immer die Wahrheit sagt.” Wieder füllt er sein Glas, hebt es ins Licht, betrachtet aufmerksam die Farbe, atmet den Duft, bevor er mich ansieht. weiter lesen »

 

Herbert holt tief Luft, vielleicht möchte er etwas Tröstendes sagen, aber ich will nichts dergleichen hören. “Das scheint bei uns in der Familie zu liegen. Ich lüge auch, was das Zeug hält. Sieh dich also vor.”
Ungerührt von meinen Bekenntnissen schenkt Herbert die Gläser ein und prostet mir zu. “Hört sich nach Krise an. Das ist aber durchaus normal bei Frauen in mittleren Jahren. Kann ich dir helfen?”
Ich schüttle wortlos den Kopf und reagiere nicht auf den Seitenhieb. Herbert ist bekannt für seine lockere Zunge. Ich mag ihn trotzdem. Der Bonus der langen Freundschaft. Außerdem sollte man die wenigen Freunde nicht vergraulen, die man hat. weiter lesen »

 

“Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt….” Er sieht gut gelaunt aus, wie er so vor mir steht. Zwei Gläser in der einen und eine bereits geöffnete Flache Rotwein in der anderen Hand. Eine weitere Flasche hat er unter den rechten Arm geklemmt. Die Ledermütze sitzt verkehrt herum auf seinem Kopf. Noch nie hat ihn jemand ohne diese Mütze gesehen. Wahrscheinlich trägt er sie sogar im Bett. Man vermutet, dass er darunter kahl ist. Daran ändern auch die grauen Locken nichts, die ihm bis auf die Schultern fallen. weiter lesen »

 

Peter sieht mich immer noch bedeutungsvoll an.
“Ich hatte aber nie das Gefühl, dass sie mich liebt. Jedenfalls nicht so, wie andere Mütter das taten. Und gesagt hat sie es auch nie. Als junges Mädchen habe ich sie dafür gehasst. Und jetzt, wo sie tot ist, finde ich diesen blöden Brief, und weder kann ich sie fragen, warum sie nie über ihre Gefühle mit mir gesprochen hat noch warum sie mich belogen hat.” weiter lesen »

 

Natürlich ist das genau die Stelle, die sich mir besonders eingeprägt hat. Nicht nur eingeprägt. Wenn ich ehrlich bin, dann hat sie mich berührt, gerührt, und zwar mehr, als ich mir eingestehen möchte. Nicht gleich beim ersten Lesen, die Erkenntnis kam erst später. Inzwischen kenne ich den Brief auswendig. Anscheinend ist es wahr. Anscheinend hat meine Mutter mich geliebt. Und doch ist sie damals ohne mich in den Westen gegangen. Es ist dieser Punkt, auf den immer alles hinaus läuft. weiter lesen »

 

Als meine Mutter Walter kennen lernte, lebte sie noch bei ihren Eltern. Erst ein halbes Jahr nach der Hochzeit waren die beiden in eine eigene kleine Wohnung gezogen. So hatte man es mir erzählt. Walter hatte meine Mutter geliebt. Das ist sicherlich richtig. Aber er tat es auf eine vereinnahmende, besitzergreifende Weise. Seine Ansichten, seine Meinungen waren Gesetz. Ich habe nur selten erlebt, dass meine Mutter gegen ihn rebellierte. Dabei hatte ich es mir so oft gewünscht. weiter lesen »