Vielen Dank für die Socken. Sie sind wunderbar. Die Farben gefallen mir auch sehr. Ich bin sehr beeindruckt von Deinen Fähigkeiten. Wirst Du jetzt häuslich? So viel Energie im Hintern kannst Du gar nicht mehr haben, wenn Du derartige Kunststücke fertig bringst. Sogar 3 Sätze hast Du mir geschrieben. Findest Du nicht, daß das etwas viel ist? Warst Du nun  mit Pawel auf der großen Fete?
Bei mir war es ein merkwürdiges Silvester. Ich hatte keine Lust zu feiern. Fritz hatte mich zu sich nach Hause eingeladen, aber ich wollte nicht. Er ist wirklich ein lieber Kerl. Seine Mutter kann mich gut leiden, ich sie auch. Es könnte alles in Ordnung sein. Ich habe einen Freund, der klug ist, zärtlich, der sehr viel Humor hat, es ist auch immer noch alles ganz harmlos zwischen uns. Küssen und schmusen, mehr gibt es nicht. Manchmal könnte ich mich tot lachen über ihn. Wenn er sich künstlich über etwas aufregt z. B. Er sieht dann komisch aus mit seiner großen Nase und den Ohren. Er hat etwas an sich, daß ihn nur vom Anschauen her sympathisch macht. Außerdem ist er der klügste meiner bisherigen Freunde. Der netteste ganz bestimmt. Er würde Dir gefallen. Wirklich.

Oma ist ihm total verfallen. Fritz hinten und Fritz vorne. Trotzdem wollte ich nicht mit ihm Silvester feiern. Ich wußte überhaupt nicht, was ich wollte. Da kam mir Herr Gohdes gerade recht. Du weißt schon, früher habe ich oft bei ihm in der Veranda mit meinen Frauen gespielt, wenn Oma wieder einmal wollte, daß ich bei dem schönen Wetter rausgehe. Ich habe schon ein paar Mal bei ihm in der Stadt geschlafen. Das habe ich schon früher gemacht, als seine Frau noch lebte. Er ist nicht nur im Sommer Omas guter Geist, der sich im Garten nützlich macht. Der kommt auch oft im Winter vorbei, schaut nach dem rechten, wenn er einen Abstecher in seine Laube macht. Auch wenn sie immer so tut, als könnte sie ihn nicht leiden, ist er ihr Lieblingsnachbar. Nur mit seinen Weibergeschichten kann sie nichts anfangen. Seit seine Frau tot ist, geht er regelmäßig in die Volkssolidarität zum Tanzen. Männer in seinem Alter sind begehrt, sagt er. Er ist erst 70, die Frauen sind meist jünger als er. Er erzählt Oma immer von den Mäuschen, die er im Prater (das ist die Kneipe, in die er immer zum Tanzen geht) kennen lernt, und daß er mit denen ständig im Bett ist. Mäuschen sagt er zu jeder, damit er mit den Namen nicht durcheinander kommt. Oma glaubt, daß der olle Sack nur angibt. Oller Sack. Dabei ist er zehn Jahre jünger als sie.

Er hatte natürlich auch Oma gestern eingeladen, aber die war seit Jahren nicht mehr aus Buchholz weg, die müßte man einfangen und mit Gewalt abtransportieren. Aber mit uns beiden allein war es auch schön. Dabei haben wir auch nur ferngesehen. Und geredet. Ihm kann ich sogar von Problemen erzählen, er findet es gar nicht komisch, daß ich nicht weiß, was ich werden will. Der versteht sogar eine Menge mehr als mein Vater. Zumindest ist er nicht so rechthaberisch. Er lässt auch mal eine andere Meinung gelten. Vom Sozialismus will er mich auch nicht überzeugen. Der fährt schließlich regelmäßig in den Westen. So schlimm ist es da gar nicht, aber das wissen wir ja. Die Menschen können reisen. Etwas von der Welt sehen. Sie können die Bücher lesen, die sie wollen.
Ich bin erst vor einer Stunde nach Hause gekommen. Wir haben spät gefrühstückt, dann haben wir einen alten Film gesehen, und später hat Herr Gohdes noch Schnitzel für uns gebraten, während ich ihn wieder einmal über seine Zeit als Soldat ausgequetscht habe. Er hat ja einiges erlebt, da hat er viel zu erzählen. Als junger Soldat mußte er manchmal Züge bewachen, mit denen Juden in die Lager abtransportiert wurden. Er hat gesagt, keiner hat geglaubt, daß die irgendwohin fahren, wo es ihnen gut geht. Aber er hat nicht gewußt, was er dagegen hätte tun sollen. Er war dann richtig froh, als man ihn nach Stalingrad geschickt hat. Dann hatte er auch noch Glück, weil er rechtzeitig aus dem Kessel geflogen wurde. Er sagt, dafür hätte er seine Zehen gern hergegeben. Hätte er dort bleiben müssen, wäre er krepiert. Nicht gestorben. Krepiert. So jemanden wie ihn könnte man in die Schulen schicken, da käme keiner später auf die Idee, noch einmal einen Krieg anzufangen. Aber vielleicht würden die Jungs auch nicht mehr freiwillig drei Jahre zur Armee gehen.
Als ich vorhin von der Straßenbahn nach Hause gelaufen bin, war ich die Einzige, die unterwegs war. Alle Straßen waren leer. Der Schnee knirschte unter meinen Füßen, das Weiß leuchtete. Eine eigenartige Stimmung. Beinahe heilig. Ich fühlte mich so glücklich den ganzen Weg über, dabei wußte ich überhaupt nicht, warum. Da war nur ich, die leere Straße, der Schnee, über mir der Mond. Alles war plötzlich gut. Ich fühlte mich sogar beschützt. So wie Oma sich das vielleicht vorstellt, wenn sie einmal tot ist. Sie sagt, sie wird vom Himmel aus immer auf mich aufpassen. Auch wenn ich an keinen Himmel glaube, an Gott auch nicht, irgend etwas war heute anders als sonst.

Leider hielt der Zustand nur bis zur Laube. Dann war Oma da, die mir wieder ein Loch in den Bauch gefragt hat. Wie es war, was wir gemacht haben, was der Gohdes gesagt hat usw. Manchmal kann sie einem wirklich auf die Nerven gehen. Ich mag es nicht, wenn ich gleich reden muß, wenn ich nach Hause komme. Das versteht sie nicht. Sie sagt dann, ich sei maulfaul und ist sauer auf mich. Am besten wird es sein, wenn ich ins Bett gehe. Sie schläft schon seit 2 Stunden. Ich kann hören, wie sie nebenan schnarcht. Dabei sitzt sie im Bett. Wenn sie flach liegt, bekommt sie keine Luft. Neulich hat sie mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Da lag sie im Bett und stöhnte, konnte nicht richtig atmen, sie glaubte,  etwas wäre mit ihrem Herzen. Ich hier ganz allein. Die Telefonzelle ist auch schon wieder kaputt. Wahrscheinlich müßte ich zu Anna laufen, sie sind die nächsten, die ein Telefon haben. Aber dann war es nach einer halben Stunde wieder gut. Hoffentlich passiert nicht mal etwas Ernsthaftes. Andererseits sagt sie seit Jahren, daß sie bald stirbt. Mit solchen Problemen schlage ich mich hier herum. Schick mir endlich einen richtigen  Brief und vertröste mich nicht ständig auf später. Deine ungeduldige Hala

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