Es war meine Schuld, dass wir in Babelsberg in die falsche Straßenbahn gestiegen sind. Falsche Richtung, falsche Linie. Nur weil ich da eine neun gesehen hatte. Aber weil wir früh genug dran waren, haben wir es noch pünktlich ins Theater geschafft. Obwohl ich in der fabrik Potsdam  im letzten Jahr Gospel gesungen habe, konnte ich mich an den Weg überhaupt nicht mehr erinnern. Wir sind dann einfach zwei jungen Frauen hinterhergelaufen. Die sich zwar auch nicht auskannten, die aber sehr optimistisch ausschritten.

Ich bin gerade etwas neben mir. Die schwierigen Nächte vielleicht. Und die Erkenntnis, dass ich nicht altersmilde, sondern eher altersaufmüpfig werde. Zickiger. Streitlustiger. Lauter. Nichts mit wirhabenunsdochimmerliebpiep. Die Freundin strich mir später zweimal beruhigend über den Arm. Warum eigentlich? Weil mal wieder mit großen Lettern etwas auf meiner Stirn stand? Ich möchte nicht so durchschaubar sein.

Natürlich war ich gestern auch nicht sicher, ob das neue Stück von Ton und Kirschen  – IN THE BLINK OF AN EYE – den Mädels gefällt. Ob diese Art von Theater ihnen überhaupt gefällt. Aber eigentlich hätte ich mir denken können, dass sie am Ende genauso begeistert sein würden wie ich.

Los ging es mit Mummenschanz im Hof. Gut, dass wir noch unsere Mäntel trugen. Einige der Akteure auf Stelzen, laut, schrill, sie bewegten sich um das Feuer, das sie kurzerhand angezündet hatten. Mehr als das Wort doctor habe ich nicht verstanden, aber das war auch egal, die Atmosphäre von Anfang an inspirierend. Und genauso märchenhaft und poetisch ging es drinnen weiter.

Die Texte von Tschechow, Brecht, Rumi, Ovid, Beckett. Man könnte vielleicht denken, wie soll das zusammen passen, aber da passte alles. Eine Mischung aus Musik, Theater, auch Puppen kamen zum Einsatz. Die Truppe ist ein Wandertheater, sie machen alles selbst, Kostüme, Masken, Beleuchtung. Es wurde komisch, heiter, melancholisch, phantastisch, besinnlich, dramatisch, und das mit einfachen Mitteln. So wünsche ich mir Theater. So kann es sein.

Am Ende beglückt, bereichert, und die Phantasie war ebenfalls angeregt. Darüber hätten wir gern noch bei einem Glas Wein im Lindencafé geplaudert, wenn das nicht schon um 22.00 Uhr schließen würde. Hallo? Wo soll man denn jetzt nach dem Kino? Am besten wäre es ja sowieso, sie würden in Nikolassee die Gambastuben wieder eröffnen. Oder eine andere Kneipe. Wir werden doch nicht die Einzigen sein, die sich das wünschen.

1 Kommentar

  1. Niri
    geschrieben am 11. November 2017 um 13:59 Uhr| Permalink

    Na, von Schuld kann da wohl nicht die Rede sein! Wir hätten ja auch unsere Brillen aufsetzen können – so war es ein schöner Abend mit einer kleinen Prise Abenteuer. LG Niri

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