Gerade mal 18 Grad. Von hier oben kann ich die hohen Kiefern im Nachbargarten sehen. Elektrische Sägen heulen. Vor dem Häusern gegenüber werden Bäume und Sträucher beschnitten. Das ganze Häuser-Ensemble stammt aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhundert. Dort sollen vor allem Nazi-Größen gewohnt haben. 1945 wurden sie von der russischen Armee vertrieben. Das haben die Nachbarn erzählt, die am Donnerstag zum Gedenk-Kaffee bei uns waren. weiter lesen »

 

Bein den Nachbarn hinten rechts rauscht es im Garten. Als würde es regnen. Glocken läuten. Ein Hund bellt. Um meinen Kopf surrt ein fette Mücke. Bei den Nachbarn rechts turnt ein Eichhörnchen in der Kiefer. Ich habe in dieser Woche drei Gedichte gelernt. Deutsch. Ein viertes auf Spanisch. Wie ich vermutet hatte, lachte die Spanierin sich einen Ast. Nicht petra, p-i-e-d-rr-a. Dabei hatte ich überhaupt nichts von petra gesagt. Und bei Aurora habe ich mir auch den Hals verrenkt. Aber am Ende konnte ich es. Sogar verstanden habe ich das eine oder andere. Si es Luz.

 

Das Heizöl geliefert. Mit der Spanierin ein neues Gedicht erarbeitet. Von Brett zu Brecht. Das Ü ist schwierig für sie. Auch das Ö. Aus Buch macht sie dafür Büch, aber das sind Kleinigkeiten. Außerdem weiß ich ja, wie schwierig das mit einer neuen Sprache ist. Vielleicht lerne ich zum Ausgleich ein Gedicht auf Spanisch. Wahrscheinlich lacht sie sich kringelig. Mit dem Hund spaziert, im Regionalladen eine Backkartoffel mit Quark und Leinöl verspeist. Und jetzt Buchhaltung. Schade.

 

Lese Hellmuth Karaseks Erinnerungen, das Buch habe ich in SEINEN Büchern gefunden. Eine Flucht aus Schlesien. Auch H. Karasek stammte aus der Gegend von Auschwitz. Wie die Eltern meines Vaters. Seine Eltern Nazis. Fühle mich eigenartig, wenn ich Sätze wie “Der Iwan kommt.” lese. Das habe ich in meiner Kindheit auch einige Male gehört. Der Iwan, das waren die Russen, von denen anscheinend nichts Gutes zu erwarten war. Und das hatte so gar nicht zu dem gepasst, was wir in der Schule von den heldenhaften sowjetischen Soldaten hörten. weiter lesen »

 

Da die Deutschlehrerin der Spanierin verreist ist, da ich mich außerdem daran erinnert habe, wie viel Spaß mir das Unterrichten unseres Chinesen (Formulierung politisch nicht korrekt, ich weiß) gemacht hat, und dann erinnerte ich auch noch die Art und Weise, wie man mit Gedichten eine fremde Sprache vermitteln kann, das funktionierte doch wunderbar bei der Performance vor ein paar Wochen, jedenfalls haben wir heute ein Gedicht von Lilly Brett erarbeitet. weiter lesen »

 

Im Haus der Freundin in Celle ist immer ein Zimmer für mich frei. Das ist gut zu wissen. Gestern war ich bei den Mädels zum Kaffee, irgendwann dann großes Geschrei. Wie ich mir das denke, ich könne doch nicht fort aus Berlin. Und sie haben ja recht. Es ist schön, vertraute Menschen in der Nähe zu haben. Aber ich beabsichtige ja auch nicht, nach Australien auszuwandern. Ich möchte lediglich eine Weile in Europa unterwegs zu sein. Am liebsten in Ost-Europa. Wie Martina. Die Protagonistin aus meinem Drehbuch. Work and Travel. Gibt es auch für ältere Menschen. In Kreisau z. B.

 

Nach den emotionalen Auf und Abs endlich Entspannung. Mein Blutdruck hat sich zwar noch nicht entspannt, aber das wird schon. Ich nehme ja die kleinen Tabletten. Niedrigste Dosis. Im Fansipan außer mir nur ein Paar. Die junge Frau, die mich bedient, hat jetzt erst verstanden, wer da vor ein paar Wochen gestorben ist. Sie hat den Chef gefragt, warum eigentlich der nette Mann mit der Vorliebe für Misosuppe nicht mehr kommt. Ihre Anteilnahme, ihre Betroffenheit, das ist echt. Ich freue mich, wenn ich Menschen begegne, die IHN mochten.

 

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Es ist heraus. Ich habe mich entschieden. Kein Hauptmietvertrag. Ich werde ausziehen. Spätestens zum 01. März. Die Angst vor dem Ungewissen muss überwunden werden, sonst bleibe ich noch weitere sieben Jahre hier. Und das war nicht der Plan. Was habe ich vor ein paar Wochen an den Rand meiner Collage geschrieben? Mehr leben statt gelebt zu werden. Nicht an scheinbaren Sicherheiten hängen. Das Gewitter passt zu meiner Aufgewühltheit. Vorhin war ich so mit dem inneren Dialog beschäftigt, dass ich mein Rad an der U-Bahn vergessen habe und mit dem Bus heim gefahren bin.

 

Das Durchschnittsalter der Anwesenden irgendwo um die 60 herum. Die Herren tragen Hüte und/oder Sonnenbrillen, Jacketts, Westen, Zöpfe. Einige Damen haben sich Tücher über die Schultern gelegt und beweisen Mut zur Farbe. Die Betrachtung der einzelnen Objekte erfolgt zügig, die aufgeschnappten Gesprächsfetzen deuten auf regelmäßigen Kunst-Kontakt hin. Auf Wunsch erklären die anwesenden Künstler auch Intention und Vorgehensweise. weiter lesen »