Mehl auf die Arbeitsfläche, aus dem vorbereiteten Teig zwölf Kugeln formen, die dürfen noch ein wenig ruhen, bevor sie geknetet und ausgerollt werden. Zu guter Letzt Tomatensoße und Käse drüber, fertig sind die Minipizzen. Während ich liebevoll und zärtlich auf mein Werk blicke, wer hätte gedacht, dass ich mich in diesem Leben noch zur Pizzabäckerin mausere, ich auf jeden Fall nicht, da sehe ich die Frau mit dem großen, schweren Rucksack, den sie mit Vorliebe auf unseren Korb mit Keksen knallt, wenn sie den Bankautomaten benutzt.

Mein Blick mag streng sein, aber gesagt habe ich noch nichts, da keift sie mich schon an. Erst neulich hätte ich so geschaut, das muss sie sich nicht bieten lassen. Meine Erklärung, in dem Korb würde sich zerbrechliche Ware befinden, Kekse und Panettone eben, lässt sie kalt. Haben sie sich doch nicht so. Doch ich habe mich. Ich möchte, dass sie ihren Rucksack entfernt, was sie am Ende auch tut, unter Protest natürlich, und kaufen wird sie bei uns bestimmt nie, niemals. Aber sie möchten doch bestimmt auch nicht, dass jemand die Beete in ihrem Vorgarten zertrampelt, oder? Der Vergleich übersteigt ihr Vorstellungsvermögen. Ich bin der Feind, der ihr kleines Leben durcheinander bringt.  Gott sei Dank sind 90 Prozent der Nikolasseer zivilisierte und freundliche Menschen, da könnte ich doch gleich mal auf ein Stück Holz, aber bitte, der Kopf tut es auch.

Abends sitze ich müde und auf meinem Platz hin und her rutschend im Haus der Berliner Festspiele, das nasskalte Wetter sorgt für Schmerzattacken, und bin dann doch sehr schnell von dem Stück “Birds with Skymirrors” gefangen. Die Karte haben mir die Freunde zum Geburtstag geschenkt, auch her gefahren haben sie mich, Wein vorher und nachher inklusive, das versteht sich wohl von selbst.

Ich habe ein wenig gelesen über Lemi Ponifasio, den Choreographen und Häuptling aus Samoa, dem die Idee zu diesem Stück angeblich beim Betrachten von Vögeln gekommen ist, die Videobänder im Schnabel hatten. Unser Müll verseucht nicht nur das Land und die Ozeane, viele Tiere fressen ihn oder kommen auf andere Weise mit ihm in Berührung, am Ende sterben sie daran. Mensch und Tier, das ist ein space, wird er später sagen, und dass wir alle miteinander verbunden sind.

Die Klänge fremd, unheimlich sogar, die Bewegungen langsam, wie in Zeitlupe manchmal, das Licht zeichnet Landkarten auf nackte Oberkörper. Wieder einmal stelle ich fest, dass es besser ist, nicht alles verstehen zu wollen oder gar nach einer Geschichte zu suchen. Ich verfolge die Bewegungen der Tänzer, die manchmal über die Bühne zu gleiten scheinen, deren Gesten und Muskelspiel ich so noch nie gesehen habe, mal erkenne ich Vögel, dann wieder Menschen, die auftauchen und nach einer Weile im Dunkel verschwinden.

Nach der Performance können dem Choreographen Fragen gestellt werden. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem sein Wunsch, mit seiner Kunst einen Raum zu schaffen, in dem man sich auf den Moment konzentriert. Weder will er uns etwas zum Konsumieren geben noch eine Soap Opera zeigen, das sowieso nicht. Wir sollen uns von dort, wo wir gerade stehen, wo wir her kommen, auf das einlassen, was wir sehen und hören.
Eine Zuschauerin lobt den Abend, möchte aber wissen, warum die Frau am Anfang unbedingt Stöckelschuhe tragen musste, das hätte doch nicht zu dem Rest gepasst. What is your problem with high heels? Diese Frage wiederum blieb unbeantwortet. Und dann lasse ich mich, immer noch gefangen und beeindruckt und mit dem Gefühl, reich beschenkt worden zu sein, nach Hause kutschieren.

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