nachdem ich der Thailänderin in der Küche erzählt habe, dass ich – ausgelöst durch den heftigen Infekt – mal wieder auf Zucker und Alkohol verzichte, verschlinge ich im Büro einen halben Schoko-Weihnachtsmann. Zahlen abgleichen, das löst immer wieder dieselben Reflexe aus. Ich muss mich trösten, betäuben, muss irgendetwas in mich hineinstopfen. Zu Hause ist mir immer noch übel. Zumindest merke ich in Zeiten der Enthaltsamkeit, welche Wirkung Zucker hat. Ich brauche eine Wärmflasche. Mit der gehe ich ins Bett und mache das, was ich gestern auch schon gemacht habe, womit ich aber nicht fertig geworden bin. Ich lese.

Fontane1 von Paolo Cognetti. In diesem Buch schreibt er über sein Jahr in den Bergen. Ich bin mit ihm über Schotter und Eis gelaufen, habe Hase und Fuchs beobachtet, mich mit den beiden Nachbarn angefreundet, und jetzt muss ich mich verabschieden. Nach einer halben Stunde bin ich nämlich fertig. Und spüre diesen (seltenen gewordenen) Schmerz, als müsste ich mich von einem realen Menschen, vielleicht sogar von einem anderen Leben trennen. In meiner Phantasie war ja ich es, die da allein in dieser Hütte in den Bergen lebte. Interessant finde ich, dass auch der Autor sich nachts unwohl fühlte, dass er oft erst morgens einschlafen konnte. Hey. Das ist mein Thema.

Nach dem Abendessen lese ich dann weiter in dem spannenden Blog von Rumen Milko, den ich erst vor ein paar Tagen entdeckt habe. Autofiktion. Aus dem Leben eines trockenen Berliner Taxifahrers in den Schluchten des Balkans. Er ist halber Bulgare, aufgewachsen in der DDR, Autodidakt, trockener Alkoholiker, war 30 Jahre Taxifahrer in Berlin, vor zwei Jahren ist er nach Bulgarien gezogen, ausgewandert. Ob vorübergehend oder für länger, das wird man sehen. Ich mag diesen mir persönlich unbekannten kritischen Geist und lese alles, was mir unter die Tastatur kommt. Neben seinem Blog schreibt Rumen Milko auch für Rubicon, Multipolar, Radio München.

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